GHOST TRAIN

The Mystery Night

Hans-Jürgen Lenhart & The Off Jazz Trio

Merkwürdige Dinge geschehen in den Geschichten von HANS-JÜRGEN LENHART. Dinge, wie das Déjà Vu-Gefühl: Man meint, etwas schon einmal erlebt zu haben, was aber nicht sein kann. Beklemmend wird es allerdings, wenn man plötzlich dafür aber Beweise findet. Und noch beängstigender ist es, wenn man seinem Doppelgänger begegnet. Lenhart fühlt sich dem Mystery-Genre verbunden. Dort schwingt ein Schauer mit, weil das Übernatürliche plötzlich etwas Realistisches bekommt, es vorstellbar wird, solche Ereignisse tatsächlich erleben zu können. Für emotionale Ergriffenheit sorgt zudem der Jazz des legendären Offenbacher OFF JAZZ TRIOS, mit dem er nach vielen Jahren wieder zusammenarbeitet. Wer in den „Ghost Train“ einsteigt, hat eine Fahrkarte in eine andere Welt gelöst, aus der es vielleicht keine Rückkehr mehr gibt…

Während sich im Horror-Genre das Übernatürliche in Form von Materialisierungen von dämonischen Wesen erklärt, geschehen in Mystery-Geschichten unheimliche Dinge, für die keine Erklärung geliefert wird. Lenhart findet letzteres beängstigender als die Monster im Horror, die für ihn eher wie überdimensionierte Marionetten wirken. Monster können besiegt werden und sind wirklichkeitsfremd. Unerklärliches zu erleben, ist dagegen vorstellbar, aber so gut wie nicht beherrschbar, was seiner Meinung nach einen viel größeren Grusel erzeugt. In Lenharts Geschichten geht der Ghost Train auf eine surrealistische Zugfahrt, hat ein Taxifahrer einen Fahrgast, der nicht von dieser Welt ist und es wird das Rätsel der Kornkreise gelöst. Immer wieder sind es geheimnisvolle Bilder, die scheinbar ein Eigenleben haben, Träume und zufällige Zusammenhänge von belanglosen Handlungen mit Katastrophen, die Themen von Lenharts Erzählungen abgeben. Das klassische Doppelgänger-Motiv, das sich von der Romantik bis zum Expressionismus hin zieht, wird ebenso aufgegriffen.

Zwischendurch präsentiert das Off Jazz Trio verloren wirkende Mitternachtsmusik mit obskuren Geräuschen und Modern Jazz-Improvisationen. Neben Volker Bellmann (E-Piano), spielen mit Herbert Müller (Schlagzeug) und Artur Hartmann (Bass), die am längsten zusammenspielende Rhythmussektion des deutschen Jazz (seit 1956!). Lenhart ist zwar als Sprachspieler, Satiriker und Allround-Talent bekannt, zeigt hier aber seine erzählerische Seite mit Kurzgeschichten, die den Einfluss von David Lynch und Franz Hohler zeigen.1999 wurde er Sieger des Hessischen Poetry Slams und betreibt seit einigen Jahren in Hanau Lesebühnen.

„Ghost Train“ ist eine literarische Performance, die man so schnell nicht vergessen wird, ein Abend, der keinen ohne Gänsehaut lässt und für Mystery-Fans eine sinnliche literarische Erfahrung verspricht. Und natürlich darf man zu dieser Lesung im halbverwesten kleinen Schwarzen kommen und schminke sich eher blass.