Die Phantom-Ladys - Das Literaturspiel 

Spielbeschreibung 



Bild (c)  Hans-Jürgen Lenhart

Ziel

Ziel des Spieles ist es, dass 

  • die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Impulse und Vorgaben des Initiators einen Text entwickeln und
  • sie den Text dadurch ständig erweitern und verändern. 
  • erzählerische Abläufe sich überraschender, unkonventioneller und weniger vorhersehbar gestalten. 

Es handelt sich hier um eine Art kreatives Schreibtraining, das im Unterschied zu Schreibworkshops mehr spielerischen Charakter hat und somit keinen Lehrgangscharakter aufweist. Allerdings ist Verlässlichkeit, Offenheit und Flexibilität gefragt. Die Anforderung an Kreativität besteht insbesondere darin, einen Text wie ein Puzzle zu behandeln. Einzelne Teile werden ergänzt, wodurch sich ein neues Gesamtbild ergibt. Der Text muss auch manchmal auseinandergerissen, zwischen einzelnen Teilen müssen Bögen gespannt werden. Es gilt, ihn immer wieder durch ungeahnte Momente zu verändern. Hierdurch wird Flexibilität beim Schreiben gefördert. Der Text bekommt dadurch einen besonderen Touch. Das Training arbeitet nicht mit Übungen, sondern mit Impulsen. Ein entsprechender Austausch unter den Teilnehmern wird eingeleitet.


Zur Entstehung

Die Idee zum Spiel entstand Anfang 2021 während der Corona-Pandemie. Es gab drei Motive, dieses Spiel zu ersinnen.

  1. Statt Schreibworkshop etwas Besonderes versuchen. Ziel: konstruktive und intensive Diskussion literarischer Texte.
  2. Darstellung aktueller literarischer Aktivität in einer Zeit ohne Lesungen durch die Pandemie.
  3. Generierung literarischer Kontakte als Gegenpol zu einem literarischen Stillstand in der Pandemie.

Inspiration

Die Inspiration zu dem Spiel entstand sehr spontan nach Betrachtung des französischen Films „Céline und Julie fahren Boot“ (Originaltitel: Céline et Julie vont en bateau – Phantom Ladies over Paris), den man dazu aber nicht kennen muss. Das Spiel ist der durchaus gewagte Versuch, die kreativen Methoden dieses Filmes, der wie ein zauberhaftes Spiel gedacht ist, in kreative Möglichkeiten für literarisches Schreiben umzusetzen. Der experimentelle Film von Jacques Rivette aus dem Jahr 1974, spielt mit verschiedenen literarischen Vorlagen (wie Alice im Wunderland), Träumen, Zaubereien, aber vor allem mit verschachtelten Erzählebenen. Er ist dem magischen Realismus zuzurechnen. Zwei Frauen, Céline und Julie, werden darin immer mehr Teil eines gemeinsam geträumten Traumes, in den sie ständig ein- und aussteigen und ihn zunehmend in seinem Ablauf beeinflussen können. Sie symbolisieren damit eine Beteiligung des Zuschauers an der Handlung des Traums und damit auch des Films. Die Regeln des Literaturspiels sind aus den Grundideen des Filmes abgeleitet. Insofern ist der Titel des Spiels auch eine Hommage an den Film. Eine genauere Beschreibung des Filmes befindet sich hier.


Ablauf und Regeln

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Experiments sagen zu, regelmäßig an dem Experiment teilzunehmen. Ihr Beitrag muss innerhalb einer Woche durchgeführt worden sein und sie geben dazu Rückmeldung. Nach einer Woche erfolgt durch den Initiator (= Hans-Jürgen Lenhart) ein neuer Impuls bzw. Aufgabe. Es gibt insgesamt drei Schreibrunden mit verschiedenen Impulsen. Liefern Teilnehmerinnen und Teilnehmer zweimal keine Rückmeldung, so werden sie nicht mehr angeschrieben bzw. beteiligt. Spontan können Ablauf und Regeln im Laufe des Spiels durch dessen Diskussion und Auswertung zielführend angepasst werden.

Für eine spontane Zusammenarbeit von Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander werden die Kontaktdaten aller weitergegeben. Hierzu wird um Einverständnis gebeten. Das Gleiche gilt für die Veröffentlichung der Texte im Blog.


1. Runde – Die Schnitzeljagd 

Der Ausgangstext entsteht dadurch, dass der Initiator am Anfang Worte „verliert“. Dies geschieht durch Zusendung von drei Worten an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die für alle identisch sind. Diese entwickeln daraus jeweils einen kurzen und stilistisch offenen Text. Eines der Wörter mindestens soll dabei eine tragende Rolle spielen. Der Text soll folgende Bedingungen erfüllen:

Der Text muss

  • erzählerisch sein, aber zunächst auf eine erzählerische Ich-Form verzichten.
  • anfangs fragmentarisch sein, also ein offenes Ende und einen offenen Anfang haben.
  • relativ kurz sein (= ca. 3500 – 4000 Zeichen mit Leerzeichen).
  • zwei weibliche Personen aufweisen, die Céline und Julie heißen.
  • mindestens zwei Personen darin vorkommen lassen. 
  • Dialoge aufweisen. (Ein Dialog setzt ein Gespräch zwischen mindestens zwei Personen voraus. Ein Selbstgespräch zählt nicht dazu.) 
  • vor 1980 spielen und dies auch inhaltlich vermitteln. 

Die drei Wörter sind jeweils im Text fett und farbig zu kennzeichnen. 

Die jeweiligen Textfassungen vor einer Veränderung sind zu erhalten. Dies kann im Nachhinein zur Auswertung nützlich sein. Nach einer weiteren Woche werden drei neue Wörter zugesendet. Diese werden in ihrer Position im Text aber vorbestimmt. Der Text soll dabei an drei Stellen durch Zusätze ergänzt und verändert werden, und zwar unter Verwendung 

  • des ersten Wortes im Zusatz vor dem Anfang des bisherigen Textes
  • des zweiten Wortes im bisherigen Text
  • des dritten Wortes im Zusatz nach dem bisherigen Text

2. Runde – Die Verzauberungen

Vor der zweiten Runde bittet der Initiator um Feedbacks. Danach schickt der Initiator allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern fünf Wochen lang jeweils pro Woche eine Aufgabe, um den inzwischen entstandenen Text weiter zu bearbeiten. Die Aufgaben werden hier nur allgemein beschrieben. Sie sind aus der Struktur des Filmes abgeleitet. 

  • Einerseits handelt es sich um Anweisungen, die mit dem Zufallsprinzip spielen, aber Interpretationsspielraum zulassen und gleichzeitig geheimnisvolle Impulse darstellen sollen.
  • Andererseits soll die Autorin/ der Autor des Textes selbst in der Geschichte erscheinen und sie dadurch verändern.
  • Ferner wird eine andere zeitliche Ebene mit der Handlung verknüpft.

3.  Runde – Der Kreis 

  • In der letzten Runde heißt es, das Ende so zu schreiben, dass es dem Anfang des Textes entspricht. Es geht dabei nicht um die gleichen Formulierungen, sondern um eine gleiche Situation oder ähnliche Dialoge. Es gibt noch mehr Möglichkeiten.
  • Der Textumfang ist offen, soll aber nicht ausufern.

Veröffentlichung und Kommunikation

Die Ergebnisse werden hier veröffentlicht und den Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander zugesendet. Für die Kommunikation untereinander gibt es Videokonferenzen, Telefonate, Mails, Blog-Kommentare usw. Insbesondere werden alle Teilnehmer gebeten, Kommentare zu den Texten der anderen Teilnehmer zu schreiben, die der Initiator sammelt und versendet.


Feedback

Nach jedem Impuls sind Feedbacks an den Initiator erwünscht. Auch die Zusendung von Textzuständen kann dabei sinnvoll sein. Daraus kann sich auch eine gemeinsame Kommunikation ergeben. Durch die Feedbacks können sich eventuell die Spielregeln ändern, wenn dies angebracht erscheint. 

Über die Auswertung des Spiels hat sich inzwischen eine Weiterarbeit der Teilnehmer an neuen Ideen ergeben.